„Duft ist so mächtig!“: Interview mit US-Top-Parfümeurin Yosh Han (Teil 2)

Yosh - FlakonTeil 2 unseres großen Interviews mit Yosh Han. (Zu Teil 1)

Edle Essenzen: Das chinesische Schriftzeichen für Yosh bedeutet „duftend“. Glauben Sie also, dass es von Geburt an Ihre Bestimmung war, Parfümeurin zu werden? Dass Ihr Name Ihre Berufswahl beeinflusst hat? Wären Sie womöglich zum Beispiel eine Musikerin geworden, wenn Ihr Name im Chinesischen „Musik“ bedeutete? Oder ist das reiner Zufall?

Yosh Han: Vor kurzem war ich auf einer Party und erfuhr dort, dass rund 50 Prozent der Leute so geworden sind, wie sie heißen. Ich denke, dass das auch der Grund dafür ist, warum viele Menschen ihre Kinder nach Heiligen benennen – weil sie wollen, dass sie diese Eigenschaften haben. Ich glaube nicht, dass ich eine professionelle Musikerin hätte werden können, auch wenn ich als Jugendliche Klavier gespielt habe. Aber vielleicht hat der Musikunterricht die Art, wie ich in Bezug auf Parfüms denke, beeinflusst: Noten, Akkorde und Kompositionen – es ist doch sehr ähnlich!

Edle Essenzen: Glauben Sie eigentlich an Zufall, oder denken Sie eher, dass letztlich alles in unserem Leben vorbestimmt ist?

Yosh Han: Im Grunde ein wenig von beidem. Jede Erfahrung und jeder Austausch zwischen zwei Menschen ist eine Gelegenheit, Karma zu schaffen oder zu zerstören, aber nicht jeder hat das Bewusstsein, in solchen Augenblicken dies auch so zu tun – und dann geht der Moment vorüber. Es ist also gewissermaßen wie vorherbestimmt, dass man jemanden trifft, und vielleicht ist es dann so, wie wenn zwei Schiffe in der Nacht aneinander vorbeifahren. Wenn es da keine spirituelle Übereinstimmung gibt – Karma – dann fühlt es sich eher zufällig an. Jemand sagte mal, dass wir keine Freundschaften schließen, sondern uns als verwandte Seelen erkennen.

Edle Essenzen: Als Europäer sind wir üblicherweise sehr auf Parfüms aus Europa fixiert – die meisten Parfüms, die wir kennen und tragen sind aus Ländern wie Frankreich, Italien, Deutschland… manchmal auch aus Arabien. Aber nur selten kommen wir mit Parfüms etwa aus Asien in Berührung, ganz zu schweigen von Australien oder Südamerika. Ist nun also Europa tatsächlich der Nabel der Düfte-Welt, oder denken wir das nur von uns?

Yosh Han: Sagen wir es mal so: Europa hat eine Geschichte im Bereich moderner Parfüms, und wir erleben nun bloß eine andere Art von Trend in der Düftewelt – speziell im Nischenmarkt. Lasst uns aber nicht all die reichhaltigen Aromen und Blumenessenzen aus Indien vergessen, und die Weihrauchdüfte aus China und Japan. Es ist eine duftende Welt ohne Grenzen. Wenn man in China oder speziell auch in Indien ankommt, ist die geografische Aroma-Prägung unverkennbar. Doch lasst uns ebenfalls feststellen, dass die moderne Parfümerzeugung einen starken europäischen Einfluss hat, was die Herstellung und Produktion globaler, kommerzieller Markendüfte betrifft. Dies könnte auch mehr ein wirtschaftlicher Einfluss sein, denn die Materialien kommen ja aus aller Welt, außerhalb Europas. Aber in Bezug auf Düfte-Liebhaber denke ich, dass es verrückte Parfüm-Fans überall auf der Welt gibt. Es ist erstaunlich!

Edle Essenzen: Sie wurden in Taiwan geboren, wohnten als Kleinkind wenige Jahre in Japan, reisten durch Europa und leben in Amerika: man könnte sagen, Sie haben die Welt gesehen! Würden Sie sagen, dass es einen merklichen Unterschied zwischen typischen Parfüms und Duftvorlieben in Asien, Amerika und Europa gibt? Bevorzugt man beispielsweise in Taiwan andere Arten von Düften als in Europa oder in den USA? Oder sind Düfte eine „Universalsprache“, ähnlich wie Musik?

Yosh Han: Ich bin in Amerika aufgewachsen seit ich vier Jahre alt war, und habe danach eigentlich nur noch ein Jahr in Japan auf der Universität verbracht, so dass ich sogar länger in Europa gelebt habe als in Asien! Wie dem auch sei, aufgrund beruflicher Erfahrung mit Kunden und Marktforschung denke ich schon, dass es weltweit große Unterschiede gibt. Ich prägte den Begriff einer Welt namens „Aromascape“ – um die innere Aromen-Landschaft eines Menschen zu definieren. Ich selbst habe eine globale Fusions-Palette – meine ethnische Kultur definiert meine Arromawelt – die Gewürze und Kräuter… und doch bin ich vermutlich genau so „Clean“-besessen wie der Amerikaner von nebenan (auch wenn ich denke, dass das mehr mit meinem Jungfrauen-Mond zu tun hat).

Was geografisch bedingte Vorlieben betrifft – es ist sicherlich wahr, dass Europäer eine Faszination für die dunkleren, kräftigen Düfte haben, während das asiatische Pendant leichtere, fruchtige Düfte bevorzugt. Auch wenn es gerüchteweise heißt, dass Asiaten gewöhnlich keine Parfüms tragen, nehmen sie es sehr ernst mit ihren Autodüften. Das ist wild! Amerikaner neigen dazu, von „Clean“-Düften besessen zu sein – sie führen eine regelrechte Anti-Parfüm-Bewegung an. Ach! Und lasst uns doch auch nicht unsere lateinamerikanischen, arabischen und russischen Freunde vergessen, die Düfte lieben und sie mit Stolz tragen. Das ist gewissermaßen eine interessante Frage für Marketing oder Psychologie, denn ich denke, wie Farben oder Musik haben auch Parfüms unterschiedliche Bedeutungen in den verschiedenen Kulturen.

China - Indien

Abendstimmung in Yangshuo, China – Gewürze auf dem Mapusa-Markt in Goa, Indien: “Wenn man in China oder speziell auch in Indien ankommt, ist die geografische Aroma-Prägung unverkennbar. Es ist eine duftende Welt ohne Grenzen”…

Edle Essenzen: Sie scheinen nicht nur neue Düfte zu kreieren, Sie haben auch ein neues Wort erfunden: „Transaromation“. Können Sie uns dazu mehr erzählen? Hat das etwas mit Aromatherapie oder Aromachologie zu tun?

Yosh Han: Aromatherapie beinhaltet die terapeutischen und heilenden Wirkungen natürlicher Aromen, während Aromachologie mit den psychologischen Aspekten von Aromen zu tun hat – dieser Begriff wurde ursprünglich von der Fragrance Foundation geprägt. Transaromation hat eher etwas damit zu tun, durch Geruch transportiert zu werden – mehr wie ein Déjà-vu – wie wenn man etwa an Jasminstauden vorbei geht, und man fühlt sich plötzlich, als sei man an einem anderen Ort. Ich habe schon viele Männer kennengelernt, die mir erzählten dass sie Frauen hinterhergelaufen sind, die die Straße entlang liefen, da sie hätten schwören können, den Duft einer alten Liebschaft zu riechen. Sie wurden durch Zeit und Emotionen transportiert. Duft ist so mächtig!

Edle Essenzen: Es ist auffällig dass jeder Name Ihrer Düfte drei Zahlen beinhaltet, die sich auf Duftfamilie, Chakra und den numerologischen Charakter des jeweiligen Duftes beziehen. Nun, klingt ja ein wenig… esoterisch! In jedem Fall außergewöhnlich. Ist diese „Magie der Zahlen“ ein Ausdruck Ihrer persönlichen spirituellen Philosophie oder Ihres Glaubens?

Yosh Han: Es ist eine Systematik – sicherlich. Jedes Parfüm hat eine dreistellige numerische Frequenz, ebenso wie einen wörtlichen Namen. Die erste Zahl repräsentiert die Duftfamilie, die zweite Zahl bezieht sich auf die Chakras und die dritte Zahl ist aus der Numerologie abgeleitet. Es spielt aber für gewöhnlich keine Rolle, denn der Duft, den sich Leute heraussuchen, hat meistens etwas mit ihrer Glückszahl zu tun, unabhängig davon, an welchem Chakra sie gerade arbeiten. Es ist normalerweise Schicksal. Neulich habe ich in Auren gelesen und deren Energie und Persönlichkeit einem dazu passenden Parfüm zugeordnet…

Edle Essenzen: In Walt Disneys Welt von Entenhausen gibt es den sogenannten „Kreuzer Nummer Eins“ – die erste Münze, die Dagobert Duck verdient hat. Diese Münze ist Dagobert Duck äußerst wertvoll, und er verehrt sie regelrecht als Talisman und hütet sie wie einen Schatz. Nun habe ich über Sie etwas gehört, das mich an diese Legende aus Entenhausen erinnerte: Man sagt, dass Sie Ihr erstes Parfümfläschchen dereinst in Hawaii gekauft haben – und dass dieses heutzutage in Ihrem Eingangsbereich ausgestellt ist. Ist dieses Parfümfläschchen vielleicht so etwas wie Ihr persönlicher „Kreuzer Nummer Eins“?

Yosh Han: Das ist sehr witzig! Da ich ja doch etwas abergläubisch bin, könnte man glatt meinen, dass ich einen „Kreuzer Nummer Eins“ habe – bis jetzt ist es allerdings noch nicht so. Aber ich werde darüber nachdenken!

Edle Essenzen: Würden Sie uns zum Schluss noch etwas über Ihre Zukunftspläne verraten?

Yosh Han: Man darf Ende 2011 und Anfang 2012 ein Duo erwarten. Auch arbeite ich an einer Zusammenarbeit mit einem aufstrebenden Modedesigner für Sportbekleidung, auch wenn dies nicht unter meinem Markennamen laufen wird. Außerdem hoffe ich, im nächsten Jahr damit beginnen zu können, „Vibrational Perfumery“-Workshops in Europa durchzuführen…

Edle Essenzen: Yosh Han, vielen Dank für dieses Interview. Beste Grüße aus Deutschland in die Bay Area!

Yosh Han: Nun, ich weile ja genau in dieser Sekunde in Berlin, insofern also: von Deutschland nach Deutschland! Ich werde morgen nach New York verschwinden – also Ciao, Ciao! Danke für dieses sehr in die Tiefe gehende Interview, ich weiß das wirklich zu schätzen…

Unser Interview mit Yosh Han führte Erik Vogel im November 2010. Teil 1 des Interviews finden Sie hier.

To read the original English version of the interview, just klick here.

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