Die vier Schritte auf dem Weg zur Duftaficionada

Wer sie einmal hat, wird sie nicht mehr los: Die Duftsucht – hat sie einen am Schlafittchen gepackt, gibt es kein Entrinnen mehr und die Welt wird nach olfaktorischen Maßstäben neu bemessen. Die Nase wird feiner und man nimmt nicht nur den Duftverlauf wesentlich intensiver war, sondern insgesamt wird die Welt in olfaktorische Bestandteile zerlegt und danach bewertet – Duftjunkie zu werden ist nicht schwer, nein – die stetig wachsende Auswahl an besonderen Düften macht es heutzutage sogar mehr als nur leicht…

Ob Sie selbst schon dazu gehören oder auf welcher Stufe Sie sich gerade befinden erfahren Sie hier:

Schritt 1: Das Interesse am Duft

Bei vielen Menschen ist es so, dass sie von Haus aus ein feines Näschen haben, oder aber ganz allgemein ein schöner Duft – egal ob aus der Natur oder dem Flakon – als besonders angenehm wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Andere Menschen stehen den olfaktorischen Freuden eher gleichgültig gegenüber. Ein Mensch, welcher sich für Düfte begeistern kann, wird gelegentlich vielleicht ein Parfum tragen, bei anderen Duftträgern etwas genauer hinschnuppern und auch einmal nach dem Namen eines Parfums fragen. Bei einem Einkaufsbummel in die lokale Parfümerie (zu diesem Zeitpunkt meist noch Filialketten-Parfümerien), fragt die interessierte Duftteuse nach dem ein oder anderen Klassiker wie Chanel No.5 und verschafft sich einen ersten ernsthaften Eindruck von qualitativen Parfums. Beim genauen Riechen, vielleicht auch (sollte ein Kauf erfolgen) erst nach dem längeren Gebrauch, wird der Duftliebhaberin schnell der Unterschied zwischen synthetischen Signature-Teenie-Trash-Düften und erwachsener Parfumeurskunst klar…

 

Schritt 2: Der Wahnsinn beginnt…

Nun ist die Leidenschaft entfacht und das Interesse an den Düften bekannter Häuser wird immer stärker. Es beginnt eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema: Viele beschäftigen sich mit den Labels und Manufakturen, lesen sich Informationen an, beteiligen sich aktiv in Foren wie Basenotes oder dem Beauty Board und teilen ihre Erfahrungen mit. Namen wie Guerlain, Creed und Serge Lutens gewinnen an großer Bedeutung und es wird auch hier Wissen angesammelt. Man erfährt das Angelique Enscens von Creed oder Mitsouko von Guerlain Düfte von Marlene Dietrich waren (letzterer sogar zur Premiere von Puccini’s Madame Butterfly kreiert wurde), riecht daran und kann sich förmlich vorstellen, neben der Dietrich zu stehen. Viele der Düfte, die man nun kennenlernt, werden auf den ersten Sniff noch nicht wirklich gemocht, aber die Überraschung ist groß, wenn man Stunden später zufällig mit der Nase in die Nähe des Handgelenkes kommt.
Es ist nun auch der Zeitpunkt gekommen, an dem nicht mehr zwischen “riecht gut” & “riecht nicht gut” unterschieden wird, sondern ein rudimentärer Duftverlauf festgestellt werden kann und definiert wird, was nicht gefällt.
Bei der intellektuellen Auseinandersetzung trifft der Duftjunkie in spe auch auf völlig neue Begrifflichkeiten und macht sich ein Bild von Duftfamilien wie aquatischen, floralen, holzigen, pudrigen, ambrierten, ledrigen, Fougere- oder Chyphre- Düfte.

Schritt 3: Fragrance Craziness

Die rein auf Wissen basierende Annährung des Themas ebbt langsam ab, eine gewisse Sättigung ist erreicht. Wir wissen nun, dass Serge Lutens genauso wenig der Parfumeur seiner Düfte ist wie Kilian Hennessy und Namen wie Calice Becker, Francis Kurkdijan oder Christopher Sheldrake sind uns mehr als geläufig. Wir suchen diese Informationen nicht mehr explizit wie im vorherigen Schritt, sondern wir bekommen sie eben mit, speichern sie irgendwo ab, doch die Bedeutung lässt nach. Das Interesse hat die Aufmerksamkeit schon so fest fokussiert, dass die Infos von ganz alleine kommen. Der emotionale Bezug zum Duft wird intensiver, der Duftverlauf von der Kopf- bis zur Basisnote wird deutlich wahrgenommen, die Liebe zu einzelnen Noten ist bereits entstanden, festigt, verändert und erweitert sich. Man ist überrascht wie bekannte Noten in neuen Kombinationen mit anderen im Zusammenspiel wirken und kann sich dafür begeistern. Auch der Bekanntheitsgrad der favorisierten Marken nimmt stetig ab. Schaut in dieser Phase eine duftinteressierte Freundin im Badezimmer die Flakons durch, liest sie Namen wie Keiko Mecheri, o.ä. für sie doch recht wahrscheinlich Unbekanntes.
Die Leidenschaft fängt auch langsam an, sich finanziell bemerkbar zu machen und man bestellt immer häufiger Probeabfüllungen diverser Düfte, als einen Originalflakon oder “shared” mit Mitstreiterinnen aus Duftforen. Man will wissen, nein, man muss wissen – wie diese oder jene Neuerscheinung auf dem Nischenmarkt so riecht, immer in der Hoffnung, den heiligen Gral, den ultimativen eigenen Signature-Duft zu finden (falls dies noch nicht geschehen ist).

Schritt 4: Die Duftaficionada

Mittlerweile versteht man, dass es gar nicht darum geht, den einen Duft zu finden, sondern erkennt Parallelen zur stetig wachsenden Schuhsammlung. Man möchte mit seinem Duft dem Tag und der persönlichen Stimmung gerecht werden, erkennt dass das Parfum nicht immer das gleiche sein sollte, weil man selbst auch nicht immer dieselbe ist. Allgemein wird die Duftaficionada ruhiger, muss nicht mehr an jeder Neuerscheinung sofort schnuppern, sondern kann auch einmal einen neuen Bond auslassen. Auf der anderen Seite wird man auch waghalsiger, bestellt schon einmal einen kostbaren Duft blind, weil sich die Zusammensetzung der Duftnoten so unglaublich lecker anhört. Olfaktorische Abstraktion fällt nicht schwer, man kann Düfte aus Beschreibungen “erriechen”, aber auch selbst beschreiben, als wäre es der neue Freund, von dem man der besten Freundin en detail erzählt. Die Duftaficionada unterscheidet nicht mehr nur zwischen den einzelnen Duftnoten, sondern auch der Qualität und Art des einzelnen Akkords, sowie dem Zusammenspiel der Gesamtkomposition.

Wie für Musiker die Welt Klang ist, nimmt die wahre Parfumsüchtige Ihre Umwelt vor allem über die Nase wahr. So kann es ein gutaussehender, interessanter Mann schon einmal äußerst schwer haben, sollte er noch Cool Water tragen….

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